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die Musterung... Die Sache fing damit an, daß ich in den Ferien meinen Musterungsbescheid bekam. Der Termin für die Musterung war auf den 18.9.1998 um 9.45 Uhr festgesetzt. Das für mich zuständige Kreiswehrersatzamt ist Heilbronn. Heute morgen war es dann also so weit. Ich hatte mich mit einem Freund zusammengetan, der heute auch gemustert wurde und zusammen fuhren wir dann mit unserem Auto nach Heilbronn. Nach einigem Suchen fanden wir schließlich auch gegen 9.40 Uhr das in einem Villenviertel gelegene KWEA. Nach kurzer Anmeldung und dem Ausfüllen eines Formulars wurden wir gebeten, im Foyer zu warten. Dieser Teil des Gebäudes war sichtbarer Weise erst vor kurzer Zeit renoviert worden. Der Dekorationsstil entsprach sehr dem "Holz und Stahl"-Stil, den man zur Zeit in allen neu hergerichteten Banken bewundern kann. In einem Fernseher auf einem kleinen Tischchen lief ein Werbefilm der Bundeswehr als Endlosband. Darin sollte dem noch Unentschlossenen eine verzerrte Wirklichkeit vorgegaukelt werden. Man sah glücklich lächelnde Soldaten in blitzblanken Panzern in der Gegend herum düsen, einen weiblichen Stabsoffizier der erzählte, wie glücklich sei bei der Bundeswehr zu arbeiten sowie väterlich aussehende, bebartete Offiziere die von "Kameradschaft" und "Teamgeist" sprachen. Nach kurzer Wartezeit wurde ich von einem völlig normal aussehendem Menschen gebeten, ihm "unauffällig folgen". Dies war natürlich nur ein Scherz und auch ansonsten war der Sachbearbeiter, dessen Namen ich natürlich schon wieder vergessen habe, ein sehr freundlicher und hilfsbereiter Mensch. Er übertrug die Daten aus dem von mir ausgefüllten Formular in ein anderes das er meiner Personalakte entnahm. Er brachte mich dann zum Labor, vor welchem ich erst einmal im Gang warten mußte. Dieser Teil des Gebäudes war ganz offensichtlich noch nicht renoviert worden. Die Wände waren mit einer häßlichen grau-gelben Tapete überzogen und mit Bundeswehr-Werbeplakaten behängt. Gegenüber des Stuhles, auf dem ich wartete, hing ein reichlich plump aussehendes, selbstgefertigtes Plakat, das Jobs bei der Bundeswehr anpries, freie Stellen für Zeitsoldaten annoncierte und darauf hinwies, daß man sich wegen diesen im ersten Stock erkundigen solle. Schließlich wurde ich von einer ebenso häßlichen wie unfreundlichen Frau ins Labor gebeten, um eine Urinprobe abzugeben, gemessen und gewogen zu werden. Gnädigerweise durfte ich zum befüllen des kleinen Plastikbechers in einen winzigen Nebenraum gehen, der mit Pissoir und Waschbecken ausgestattet war. Nach dem Vermessen wurde ich in einen Warteraum entlassen, indem schon 5 andere junge Männer mit unglücklichen Gesichtern saßen. Der kleine Tisch in der Mitte des Raumes war mit Werbebroschüren, Truppenmagazinen und der Illustrierten "Heer" überladen. Wer sich nichts eigenes zum Lesen mitgebracht hatte, blätterte gelangweilt darin herum. Nach einiger Zeit kam außen ein glücklich lächelnder, aber ansonsten sehr abgewrackter, ausgemergelter Mensch vorbei, der strahlend verkündete, daß er soeben ausgemustert worden sei. Manche haben eben Glück. Ein freundlich aussehender, älterer Mann mit einem langen, weißen Kittel und einem Klemmbrett in der Hand fragte "Johannes Brenner?". Ich erhob mich also und folgte ihm in sein Untersuchungszimmer, welches das erste links nach dem Labor war. Er begrüßte mich freundlich und die eigentliche Musterung konnte beginnen. Das Untersuchungszimmer war ein großer, hoher Raum mit einer Stuckdecke. An der linken Wand stand ein Schrank und die Behandlungsliege. Auf der rechten Seite des großen, mit vielen Papieren bedeckten Schreibtisches saß die Sekretärin, die während der gesamten Untersuchung anwesend war. Die erste Untersuchung war die der Augen. Dazu mußte ich zuerst mit Brille und dann ohne in einen Apparat schauen, wie man ihn vom Sehtest für den Führerschein kennt. Mit Brille erreichte ich volle Sehschärfe, ohne Brille war das Ergebnis nur gering schlechter. Es folgte ein Hörtest. Hierzu bekam ich einen Kopfhörer aufgesetzt und mußte anzeigen, wann ich in der Lage war, denn lauter werdenden Ton zu vernehmen. Dieser Test ergab, daß nicht hörgeschädigt bin. Herr Dr. O. befragte mich dann zu gehabten und nicht gehabten Krankheiten wie Masern, Mumps, Epilepsie und Inkontinenz. Ich mußte mich dann bis auf die Unterhose und die Socken entkleiden. Die Socken sollte ich anbehalten, damit "ich nicht hier krank würde", bemerkte er. Als erstes besah Herr O., so hieß der untersuchende Arzt nämlich, meine Vorderseite. Dann hatte ich mich in neunzig Grad Schritten um meine Achse zu drehen. Er befühlte meine Bauchdecke und fragte mich, ob ich eventuell früher etwas übergewichtig gewesen sei. Er stellte außerdem fest, daß ich ein leichtes Hohlkreuz habe und meine Wirbelsäule nicht ganz gerade sei. Er fragte mich daraufhin, ob ich Schmerzen beim Heben von schweren Lasten empfinden würde, was ich verneinte. Daß nicht alle Menschen mit geraden Wirbelsäulen keine Probleme mit dem Rücken haben und daß nicht alle Zeitgenossen mit einem verkrümmten Rückrat zwingenderweise arbeitsunfähig seihen, war die Antwort des Arztes. Als nächstes war die Untersuchung des Mundraums an der Reihe. Dr. O. begutachtete Meine Zähne und mein Zahnfleisch und bemerkte zwar, daß die Weisheitszähne noch fehlen, nicht jedoch meine ca. 4 Füllungen. Als ich ihn darauf hinwies, meinte er nur, daß diese wohl besonders gut gefertigt und daher nicht zu sehen seien. Der Arzt forderte mich dann auf, es mir auf der Liege bequem zu machen und legte mir die Blutdruckmessmanschette an. Das vollautomatische Blutdruckmessgerät maß dann meinen Blutdruck und meine Herzfrequenz im Ruhezustand. Nachdem dies geschehen war, hieß er mich an, 15 Kniebeugen zu machen, während er weiterhin meinen Puls maß. Sodann hörte er mir mit Hilfe eines Stethoskops den Brustkorb ab während ich tief Ein- und Ausatmen mußte. Er wiederholte diesen Vorgang bis er zufriedenstellende Ergebnisse erreicht hatte. Anschließend befühlte er meine Bauchdecke auf eventuell vorhandene Vehärtungen etc. Was folgte war der unangenehmste Teil der Untersuchung. Er streifte sich einen Einwegplastikhandschuh über, schirmte mich mit seinem Körper gegen die Blicke der Sekretärin ab und bat mich sehr dezent, meine Unterhose herabzulassen. Sodann befühlte er mein Becken und ließ mich Husten, um festzustellen, ob ich in meiner Kindheit an einem Leistenbruch gelitten habe. Außerdem untersuchte er mich auf Hodenkrebs und als diese Untersuchung auch negativ ausfiel, durfte ich mich wieder bekleiden und wurde aus dem Behandlungszimmer entlassen. Ich wartete nun im Aufenthaltsraum darauf, vom Musterungsbeamten aufgerufen zu werden, der mir dann das Ergebnis der Musterung mitteilen würde. Dieser kam auch kurz darauf herein und bat mich, ihm zu folgen. Obwohl er einen sehr unfreundlichen Gesichtsausdruck hatte, war er sehr freundlich und erklärte mir, das ich in den "Tauglichkeitsgrad 2" ("T2") eingestuft worden bin. Dies bedeutet "wehrdienstfähig mit Einschränkungen", ich bin also nicht für den Pionierdienst, Fallschirmspringdienst, Sanitätsdienst und die Gebirgsjäger geeignet. Dies rührt von meiner verkrümmten Wirbelsäule und meiner leichten Kurzsichtigkeit her. Der Musterungsbeamte wies mich noch darauf hin, daß ich die fehlenden Unterlagen meiner Kriegsdienstverweigerung an das Kreiswehrersatzamt und nicht an das Bundesamt für Zivildienst zu schicken habe und entließ mich zur Zahlstelle. Hier erhielt ich DM 37,70 Fahrtkostenerstattung. Wir verabschiedeten uns noch freundlich vom Portier und verließen gegen 12.40 Uhr das KWEA. Da wir beide jeweils DM 37,70 erhalten hatten und die Fahrkosten nur ca. DM 20,- betrugen, hatte jeder von uns einen Gewinn von ca. DM 30,- gemacht, was wir auch sofort mit einem Essen bei McDonalds in Heilbronn feierten. Ich gönnte mir eine "Western Mäc Maxi Menü" mit Coca-Cola. Nach einem kurzen Streifzug durch Kaufhof machten wir uns auf den Heimweg Richtung Schwäbisch Hall. Wir fuhren auf der sehr malerischen Stecke über die Landstraße zurück in unsere Heimatstadt. Johannes Brenner Schwäbisch Hall, den 20/9/1998 | |
| Last Modified: 2010-02-26 | (c) 2000 by Johannes Brenner. Serve chilled. |